Ludwig-Riedinger-Grundschule – woher kommt der Name?

 

Seit 1996 trägt die Grundschule in Kandel diesen Namen und erinnert an den Erbauer dieser Schule, nämlich Ludwig Riedinger.

Ludwig Riedinger, geb. 09.05.1811 – Bauunternehmer in Kandel, errichtete diese Gebäude zwischen 1845 und 1847 nach Plänen der Bayrischen Staatsregierung, die durch den Architekten Ferdinand Jodl (1805 – 1882) ausgearbeitet worden waren. Hierbei ging er beeinflusst durch Kandeler Bürger und Gemeinderäte, über die Planungen hinaus und erbaute das Gebäude statt in rotem, gewöhnlichen Sandstein in weißem Sandstein, wie dies in dieser Zeit für herausragende Bauten üblich war. Man denke an die Villa Schloss Ludwigshöhe in Edenkoben, deren Baubeginn ebenfalls im Jahr 1845 lag oder gar an „das Weiße Haus“ in Washington.

Dazu legte er in der Nähe von Bergzabern eigene Steinbrüche an und bezog auch einen Teil der Steine aus Steinbrüchen in Klingenmünster. Sein Engagement, dem Zeitgeist entsprechend die Schule „weiß“ zu errichten und damit auch die Bildungsbedeutsamkeit einer Schule herauszustellen, wurde ihm aber von politischer Seit nicht gedankt. Fast entschuldigend dargestellt kann man in einem Protokoll des Gemeinderats Kandel aus dieser Zeit lesen, daß Riedinger am Bau der Schule nichts verdient habe. Die Wirklichkeit war deutlich schlimmer.

In der „Schulchronik Kandels“ ist nachzulesen, daß Riedinger, der die Vorfinanzierung des Gebäudes selbst übernommen hatte, nicht angemessen bezahlt wurde und auf einem größeren Verlust sitzen blieb. Da die wirtschaftlichen Verhältnisse in dieser Zeit in der ganzen Pfalz sehr kritisch waren und keine Aussicht auf Begleichung durch die Gemeinde sich herauskristallisierte, blieb dem Bauunternehmer Riedinger nur der Weg, den Tausende Pfälzer auch schon gewählt hatten, nämlich die Auswanderung nach Amerika.

Riedinger kündigte diese in seinem Klagebrief, in dem er die Bezahlung der Schulden durch die Gemeinde einforderte und den Hunderte Kandeler Bürger unterstützt und unterschrieben hatten, 1849 an. Wenn auch keine juristische Schuld der Gemeinde Kandel nachgewiesen werden kann, so blieb doch eine gewisse moralische Schuld der Kandeler Gemeinderäte zurück, welche die Erbauung der Schule in weißem Sandstein förderten. Diese Kenntnis war bis in die Zwanziger-Jahres des 20. Jahrhunderts in Kandel bekannt, wie ein Schulleiter damals in seinem Schultagebuch vermerkte.

Mit der angekündigten Auswanderung verloren sich die Spuren der Familie Riedinger. Eine letzte polizeiliche Eintragung, aufgespürt im Landesarchiv in Speyer, verweist darauf, dass die Familie Riedinger „heimlich“ ausgewandert ist. So machten es alle, die finanzielle keine Gelder hinterlegen konnten, für den Fall, dass die Auswanderung scheitern sollte. Mit der Auswanderung der Familie Riedinger erlosch auch ein Name Kandeler Bürger, die kulturell in Kandel wirksam waren.

Werner Mühl hat in seinem Maimarktbeitrag am 27. Mai 2000 auf die vergessenen Söhne der Stadt Kandel verwiesen, worunter auch Friedrich Riedinger, Domkapitular in Speyer, Stiefbruder von Ludwig Riedinger zu zählen ist. Ebenso war Michael Riedinger, der Vater von Ludwig Riedinger als Mitbegründer des Männerchors 1842 (heute Männer- und Frauenchor 1842) eine bekannte Persönlichkeit.
Der Bau der Schule in Kandel war wegen des ideellen Engagements Ludwig Riedingers und seiner Familie zum Verhängnis geworden. Sein Schicksal ist also eng an die Geschichte der Kandeler Grundschule geknüpft. Diese Erkenntnis war 1996 Anlass, auch Begründung, bei der Namensgebung der Schule diese nach Ludwig Riedinger zu nennen.

Ludwig Riedinger steht aber auch stellvertretend für viele Pfälzer und speziell Kandeler Bürger, die nur in der Auswanderung nach Amerika sich eine hoffnungsvolle Zukunft vorstellen konnten.

Ob sich diese Hoffnung erfüllt hat?
Nun, für den Schulleiter war diese Frage von großem Interesse, so dass er 1996 schon gleich nach der Schulfeier zum 150jährigen Bestehen der Schule mit den Nachforschungen zum Schicksal der Familie begann.

Nachforschungen im Pfälzischen Institut für Heimatkunde und Familienforschung führten zwar zu einem Onkel Ludwig Riedingers, der 1824 nach Rußland ausgewandert war, Nikolaus Riedinger, aber alle anderen herkömmlichen Auswanderungswege über Hamburg, Bremen und le Havre lieferten keine Hinweise, ob und wohin die Familie Riedinger ausgewandert war. Auch im Nachlass des Domkapitulars Friedrich Riedinger fanden sich keine Hinweise. Schließlich förderten auch direkte Riedinger-Adressen in den USA, die über Dateien der amerikanischen Mennoniten und über einen amerikanischen Professor Eduard Riedinger zu Verfügung gestellt wurden, keine verwandtschaftlichen Beziehungen zutage. Im Februar 2000 wurde der Schulleiter aber über die Nutzung des Internets fündig. Er stieß auf direkte Nachkommen. Die Ur-Ur-Ur-Enkelin Ludwig Riedingers, Paula Carle-Bosch suchte nach jemandem, der über einen Ludwig Riedinger und seine Frau Juliane, geb. Moster Auskunft geben konnte. Der Kontakt war über das Internet schnell hergestellt und der Informationsaustausch förderte zutage:
Ludwig Riedinger ist 1850 mit seiner Familie, Schwiegereltern und Schwager in Yorkville im Staat Indiana sesshaft geworden und am 05.12.1872 dort gestorben. Er konnte sich als Farmer und Maurer wieder eine Existenz aufbauen, bekam in den USA noch 2 Söhne. Bilder vom Grabstein, seinem Sohn Michael Riedinger, der noch in Kandel geboren war und Familie, von anderen Nachkommen und als Wichtigstes von Ludwig Riedinger selbst befinden sich jetzt im Besitz der Schule.

Dr. Hartmut Christmann, M.A.